Veranstaltung |  04 Feb 2022 - 27 Feb 2022 | Galerie Brötzinger Art

Ausstellung „Fotografische Kommentare zu Reuchlin“

„Reuchlin — wer bitte?“ — so beginnt am 29. Januar 2022 ein Artikel von Christoph Timm in der Pforzheimer Zeitung. Genau diese Frage werden sich viele Student*innen stellen, wenn sie nach Pforzheim ziehen und den Namen allerorten vorfinden: Reuchlin-Apotheke, Reuchlin-Museum, Reuchlin-Haus, Reuchlin-Gymnasium.

Den 500.Todestag Johannes Reuchlins, den die Stadt Pforzheim in diesem Jahr feiert, haben die Student*innen im Fach künstlerische Fotografie im Wintersemester 2021/22  zum Anlass genommen, sich näher mit diesem besonderen Mann aus Pforzheim zu beschäftigen. Die Vergangenheit, die scheinbar in historischer Ferne liegt, wird bei genauerem Hinsehen vertrauter als erwartet. Was können wir von Johannes Reuchlin 500 Jahre nach seinem Tod für unsere heutige Gesellschaft lernen?

Die Zeiten haben sich sicher geändert, doch Ausgrenzung, Diskriminierung (oft aus Unkenntnis), verbale Diffamierung sind auch heute noch aktuelle Themen. Um die Gesellschaft unserer Zeit genauer zu betrachten, lohnt sich ein Blick in Reuchlins Leben und seinen Zeit. Da finden sich bereits ganz ähnliche Themen, wie sie uns aktuell immer noch, wenn auch in anderen Nuancen, beschäftigen. Judenhass und Ausgrenzung des Fremden sind an der Tagesordnung, Kirchen- und Staatsmänner bestimmen die gesellschaftliche Meinung.

Der Titel des Semesterthemas spielte mit einigen der für Reuchlin wichtigen Themen: Übersetzung, Toleranz, Fremde und Vertraute. Es ist der hebräische Gruß, den Reuchlin einem Brief an einen jüdischen Gelehrten voranstellt: Frieden, Frieden, den Fernen und den Nahen — so die deutsche Übersetzung.

Die fünf Studenten, die nun ihre Arbeiten in der Galerie Brötzinger Art zeigen, beschäftigen sich jeweils mit einem Aspekt. Carl Eller nahm sich hebräische Gedichte in Deutschland lebender Autor*innen vor, und übersetzte diese fotografisch — nach Lektüre der sprachlichen Übersetzung ins Deutsche. Bilder und Texte werden gemeinsam gezeigt und  überlassen so den Betrachter*innen die Beurteilung über die Qualität der Übersetzung. In Sandro Jags leiser Installation finden wir den Humanismus verkörpert. Lebenslinien von Menschen unterschiedlichster Alters- und Erfahrungsstufen tanzen an der Wand mit ihrem Schatten. Tim Kreisel zeigt cineastisch anmutende Bilder, die düster ein Gefühl von Einsamkeit und Ausgegrenztsein hervorrufen. In der Leere seiner Bilder spiegelt sich Reuchlins Einsamkeit im Kampf um Toleranz und Verständnis wider. Auch Christian Nemnich spielt mit der Dunkelheit. In scheinbar tief scwarzen Bildern sind nur bei genauem Hinsehen noch Informationen der fotografierten Räume zu entdecken. Samuel Wolf hat sich dem im Titel erwähnten Begriff des Friedens gewidmet. Er zeigt augenzwinkernde Interpretationen des Begriffs, auch als popkulturelles Phänomen.

Die fünf gezeigten Positionen wirken schneller Meinungsfindung und der Oberflächlichkeit sozialer Medien entgegen, indem sie die Fernen und die Nahen einladen, sich auch mit dem zu beschäftigen, was nicht sofort verständlich ist und, mit Reuchlins Worten, nicht zu verbrennen, was man nicht kennt.

Fotos: Silke Helmerdig

Kontakt: birgit.meyer(at)hs-pforzheim(dot)de, Tel: +49 (7231) 28-6718