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Ich bin hier! – Mode für den Protest

Für seine Ideale auf die Straße zu gehen ist wieder en vogue. Von „Fridays for Future“ bis „Black Lives Matter“ – Menschen versammeln sich, um ihrer Stimme öffentlich Gewicht zu verleihen. Aber welche Rolle spielt Kleidung im Kontext des Protestes? Das vierte Semester im Studiengang Mode an der Hochschule Pforzheim entwickelte ganz unterschiedliche Kollektionen, die sowohl radikales Statement als auch eine schützende Funktion vorweisen sollen.

Die Verbindung zwischen Mode und Protest, so augenfällig sie auch ist, wurde bislang kaum bearbeitet. „Den Zusammenhang zwischen Protest und Symbolen gibt es lange, man denke zum Beispiel an die weißen Kerzen bei der friedlichen Revolution 1989, die geballte Faust der Arbeiterbewegung oder aktuell den Drei-Finger-Gruß der Protestierenden in Myanmar. Aber die Symbolkraft von Mode steht bis heute eher im Hintergrund“, sagt Mode-Professorin Claudia Throm. Dr. Robert Eikmeyer vom Lehrstuhl für Kunst- und Designtheorie forscht seit längerem zum Thema „Ästhetik des Protests“ und hat eine Lehrverbund-Kooperation mit der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart und der Klasse von Professor Christian Jankowski aufgesetzt. Gefördert ist dies von „TRAFO – Netzwerk transferorientierter Lehre in Baden-Württemberg“. So entstanden Performances der Kunst-Studierenden einerseits und Mode-Kollektionen der Design-Studierenden andererseits.

Es ist die radikale Gegenposition auf aktuelle Initiativen für eine bessere Welt: Mode-Studentin Anna Günther gibt den Menschen ein Gesicht, die keine Nöte kennen und arrogant zur Schau stellen, was sie haben. Ihre ironisch-überzeichnete und fiktive Pro-Waste-Kollektion „W.F.T.W – Weekends for the wealthy“ ist pure Prahlerei, denn Geld ist der einzige Maßstab im Leben: grelle Neonfarben, Geldscheine und Blatt-Gold als Regenschutz, enganliegende Kleidung für Frauen, weitgeschnittene Baggy-Hosen, zur Schau getragene Preisetiketten, protzige Silberketten. Die Idee dazu lieferten der 21-jährigen Studentin die Protestbewegungen gegen den König in Thailand. „Es ist grotesk, wie reiche Menschen mit Geld umgehen“, sagt sie. Zu einem so großen politischen Thema zu arbeiten, war anfangs eine Hürde. „Der persönliche Zugang hat dann den Knoten gelöst. Wenn man sich die Frage stellt: Was liegt mir persönlich am Herzen, welche Bewegungen finde ich gut, dann ist man mitten drin in der Thematik“, sagt Professorin Claudia Throm. Begleitend zum Projekt haben einige Vorträge Hintergrundwissen vermittelt: Geschichte und Gegenwart der Straßendemonstration stellte der Mannheimer Historiker Professor Philipp Gassert vor; einen praktischen Einblick in die Funktionalität von Outdoor-Bekleidung gab Stefan Lörke vom Hersteller Vaude. Und nicht zuletzt war es der Austausch mit den Stuttgarter Akademie-Studierenden, der neue Blickwinkel aufzeigte. „Es war hilfreich, auch einmal eine Rückmeldung von ‚Nicht-Designern‘ zu erhalten“, sagt Jessica Hug.

In ihrer Kollektion „Amazonia“ thematisierte Jessica Hug die Rodung des Regenwaldes. Sich der Umgebung anzupassen und bei Bedarf doch sichtbar zu sein, ist die Intention ihrer Arbeit. Inspiration fand sie in der Besetzung des Hambacher Forstes. Sie entwickelte multifunktionale Outdoor-Kleidung, die sich bei Bedarf in auffällige und pressewirksame Couture-Mode verwandeln lässt. Ihre tropische Active Wear, zum Beispiel der Trenchcoat, passt sich in seiner Funktionalität an den Wald an. Aber nur mit ein paar Handgriffen, wie dem Abzippen oder dem Wenden der Kleidungsstücke, zeigen sich opulente Roben mit farbenfrohem Muster. Diese greifen die gefährdete Artenvielfalt und die Pracht des Regenwaldes thematisch auf.

Alle zehn entstandenen Kollektionen beschäftigen sich mit sehr unterschiedlichen Themen – ob Instagram, die toxische Männlichkeit oder die Red Umbrella-Bewegung für Sexarbeiterinnen – und doch setzt jede einzelne unsere Kleidung als wichtiges und bisher unterschätztes Kommunikationsinstrument für den Protest in Szene. Mehr zu den Arbeiten im Internet unter werkschau.hs-pforzheim.de

 

Kollektion "Amazonia" von Jessica Hug

Kollektion "W.F.T.W. – Weekends for the wealthy" von Anna Günther

Fotos:
Kollektion "Amazonia", Fotos: Isabelle Dingler und Jessica Hug
Kollektion "W.F.T.W.", Fotos Christine Degenfelder 

Pressekontakt: birgit.meyer(at)hs-pforzheim(dot)de, Tel: +49 (7231) 28-6718

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