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Ein Blick zurück

von Bettina Schönfelder

 

Am 2. Juli 1877 wurde die Kunstgewerbeschule Pforzheim als Fachschule für die Edelmetallindustrie gegründet. Ihr Auftrag lautete: »Förderung und Hebung des Kunsthandwerks durch vielseitige theoretische und praktische Ausbildung junger Leute zu tüchtigen Arbeitern, Werkführern, Zeichnern, Modelleuren, Graveuren und Ciseleuren, wie sie die hiesige Metall-Industrie verlangt.«

Kurz vorher, am 12. März 1877, war der Pforzheimer Kunstgewerbeverein ins Leben gerufen worden. Die Entwicklungsgeschichte beider Einrichtungen verlief in enger Verbindung, da sie auf verschiedenen Ebenen der gleichen Aufgabe verpflichtet waren. Bis 1926 waren Schule und Verein zudem im gleichen Gebäude zuhause. Während der Pforzheimer Kunstgewerbeverein nur einmal, 1939, seinen Namen änderte und seitdem Kunst- und Kunstgewerbeverein heißt, durchlief die Schule im Lauf ihres inzwischen über 130-jährigen Bestehens organisatorisch und inhaltlich unterschiedliche Stadien als Kunstgewerbeschule Pforzheim (ab 1877), Großherzogliche Kunstgewerbeschule (ab 1887), Badische Kunstgewerbeschule (ab 1919), Staatliche Meisterschule für das deutsche Edelmetall- und Schmuckgewerbe (ab 1940), Vereinigte Goldschmiede-, Kunst- und Werkschule (ab 1952), Staatliche Kunst- und Werkschule (ab 1966), Fachhochschule für Gestaltung (ab 1971) und Fachhochschule Pforzheim, Hochschule für Gestaltung, Wirtschaft und Technik (ab 1992).

Die Geschichte der Schule spiegelt eine Zeitfolge der Umbrüche und Neuanfänge wider, mit denen sich die Ideen von Kunstgewerbe, Kunstindustrie und Kunsthandwerk, dekorativer und angewandt er Kunst, Werkkunst, Formgebung, Gestaltung und Design unter den jeweiligen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedingungen beständig gewandelt haben.  

Nach englischem Vorbild wurden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in vielen Städten des deutschsprachigen Raums Museen für Kunst und Industrie, Kunstgewerbevereine und Kunstgewerbeschulen gegründet. Aufgabe dieser Institutionen war die wirtschaftliche Förderung von Handwerk, Industrie und Handel, die allgemeine Geschmackserziehung in einem engeren Zusammenwirken von Kunst und Handwerk, die verbesserte künstlerische und technische Ausbildung, aber auch die Schaffung einer nationalen Identität.

Die seit 1851 in immer kürzeren Abständen stattfindenden Weltausstellungen und die nationalen Industrie- und Gewerbeausstellungen machten rasch deutlich, dass eine systematische kunstgewerbliche Ausbildung im 1871 gegründeten deutschen Kaiserreich aufgebaut werden musste, um im internationalen Vergleich der Warenkonkurrenz vor allem mit den Großmächten Frankreich, England und Österreich bestehen zu können. Mit ihrem Ausbildungsauftrag standen die Kunstgewerbeschulen zwischen den traditionellen Kunstakademien und den örtlichen Handwerker- bzw. Gewerbeschulen.

Das Lehrangebot umfasste zunächst ausschließlich den Zeichenunterricht, analog zur Akademieausbildung primär das Zeichnen historischer Architekturvorlagen und die Perspektiv- und Schattenlehre, ergänzt durch eine spezialisierte Zeichenausbildung in einzelnen Fachklassen. Erst allmählich setzten sich die Reformvorschläge für einen materialgerechten und historisch reflektierenden Unterricht durch, wie Gottfried Semper ihn in London mit der Gründung der School of Design und des South Kensington Museums angeregt hatte. Nur in der Kombination von Lehrwerkstätten, Vorlesungen und einem eigens geschaffenen Manufaktur- und Industriemuseum, das exemplarische Arbeiten aus traditionellem Kunsthandwerk und neuer Ingenieurskunst zeigen sollte, sah Semper die Möglichkeit, das technische und ästhetische Können der Künstler und Arbeiter, aber gleichzeitig auch den Geschmack der Fabrikanten und Käufer zu verbessern.

In Pforzheim gehen die Anfänge der technischen Lehranstalten bis in das 18. Jahrhundert zurück, als die Schmuckindustrie in der bis dahin von Handwerk, Tuchfabrikation und Holzhandel lebenden Stadt gegründet wurde. Der handwerkliche Nachwuchs für den rasch wachsenden Wirtschaftszweig wurde in einer Freihandzeichenschule unterrichtet, aus der 1833 die Gewerbeschule hervorging. 1874 hatte die Schule 1836 Schüler, die sonntags und abends Unterricht im Zeichnen, aber auch in allgemeinbildenden Fächern erhielten. Ein zeitgemäßer Neubau für die Schule selbst, aber auch die inhaltliche Neuorganisation des Schulwesens waren dringend erforderlich.

1876 konnte die Gewerbeschule ihr neues Schulgebäude am Rennfeld (Jahnstraße) beziehen. Die Pläne zur Einrichtung einer kunstgewerblichen Abteilung wurden zugunsten der Gründung einer eigenständigen Kunstgewerbeschule im Jahr 1877 aufgegeben. Ihr Direktor war für die folgenden 34 Jahre der Architekt Alfred Waag aus Karlsruhe. Gewerbeschule, Kunstgewerbeschule und Kunstgewerbeverein nutzten das neue Gebäude gemeinsam. Da alle drei Einrichtungen mit dem wirtschaftlichen Aufschwung der Schmuckindustrie schnell wuchsen, entstand erneuter Raumbedarf. Die Gewerbeschule mit ihren zwei Abteilungen Gewerbeschule und Goldschmiedeschule bezog 1892 einen Neubau auf der Insel. Die Kunstgewerbeschule konnte nun gemeinsam mit dem Kunstgewerbeverein den Unterricht im ganz zur Verfuügung stehenden Schulgebäude systematisieren und ausbauen. Dies geschah im engen Verbund, nicht nur weil der Direktor der Schule auch erster Vorsitzender des Vereins war. Sowohl die Kunstgewerbeschule wie auch der Kunstgewerbeverein bemühten sich von Anfang an um den Aufbau eigener Vorbildersammlungen. Die originalen Schmuckstücke dienten als direkte Vorlagen für die Schmuckentwerfer und die Schüler der damaligen Zeit. Diese Sammlungen bildeten den Grundstock des späteren Schmuckmuseums, das sich seit 1961 im Kulturzentrum Reuchlinhaus befindet.


Die zunächst städtische Schule ging im Jahr 1887 in staatliche Verwaltung über und trug bis 1919 den Namen Großherzogliche Kunstgewerbeschule. Die nebenberufliche Ausbildung in einem dreijährigen Kurssystem hatte mit 40 Schülern und zwei Lehrkräften begonnen. Im Jahr 1900 hatte die Schule 280 Schüler und zehn Lehrer. Der Unterrichtsplan der ersten Jahre stand ganz in der Tradition der architektonischen Zeichenschule und umfasste die Fächer Perspektive und Schattenlehre, Architekturzeichnen, ornamentale Formenlehre, Freihandzeichnen, Figurenzeichnen und Farbenübungen, Zeichnen und Entwerfen kunstgewerblicher Gegenstände. Hinzu kamen die Fächer Emaillieren und Email-Malen, Modellieren in Ton und Wach, Ziselieren, Gravieren, Treiben und Galvanoplastik. Ab 1892 kamen schrittweise neue Unterrichtsmethoden hinzu. Neben der Einführung des Naturstudiums in allen Unterrichtsfächern verfolgte man die Einrichtung des Werkstatt-Unterrichts. Stilkunde und kunstgewerbliche Ästhetik wurden 1908 in den Lehrplan aufgenommen und nach der damals neuen Methode der diaskopischen und episkopischen Lichtprojektion unterrichtet. 

 

 

Um die Jahrhundertwende mussten erstmals Bewerber abgelehnt werden, weil die Unterrichtsabteilungen überfüllt waren. Das Gebäude entsprach nicht mehr den Anforderungen einer »Speziallehranstalt für Kleinkunst feinster Art«. So regte die Großherzogliehe Regierung einen Neubau nach funktionellen Gesichtspunkten an. Bedingung für die staatliche Übernahme der Baukosten eines Neubaus war der Kauf des Baugrundstückes durch die Stadt.

Am 15.12.1902 erwarb die Stadt Pforzheim das Grundstück an der Holzgartenstraße. Mit der Begründung, dass die Schule einen hauptsächlich lokalen Charakter habe, verlangte die Regierung auch eine Beteiligung der Gemeinde an den Baukosten. Zudem finanzierte die Stadt den eigens geplanten Anbau für den Kunstgewerberein, der erst begonnen wurde, als das Hauptgebäude bereits bis zum zweiten Obergeschoss stand. Ein großer Sammlungsraum, ein Ausstellungsraum, eine Bibliothek und ein Lesezimmer, sowie ein Geschäftszimmer, die über ein eigenes Treppenhaus miteinander verbunden waren, boten dem Kunstgewerbeverein die Möglichkeit, seine Aktivitäten auszuweiten.

Das Jugendstilgebäude war nach den funktionalen Anforderungen der verschiedenen Unterrichtsfächer errichtet und mit den neuesten technischen Möglichkeiten ausgestattet worden: Entstaubungsanlage, elektrisches Licht, Lift, Niederdruckdampfheizung, Frischluftzuführung, fotografisches Laboratorium, diaskopische und episkopische Projektionsapparate im Hörsaal und in einem Zeichensaal, Aquarien- und Terrarienanlagen auf den Gängen, Pflanzenhaus, Dachgarten, Tierkäfige im Hofraum, Schulgarten, Schulmuseum mit großen Glasvitrinen und Wechselausstellungsraum. Nach zweijähriger Bauzeit wurde das Schul- und Vereinsgebäude am 15. November 1911 feierlich eröffnet. Die Ausstellung der Schülerarbeiten war eine programmatische Stellungnahme der Schule für eine umfassende gestalterische Ausbildung, die gerade keine fertigen, kommerziell sofort umsetzbaren Produkte für die Pforzheimer Industrie bereitstellen wollte. Vielmehr versuchte man, einen Einblick in die Arbeitsschritte aller Klassen und Ausbildungsstufen zu vermitteln. 

 

 

Unter den Direktoren Friedrich Wilhelm Jochem (1912 bis 1923), Anton Kling (1924 bis 1927) und Otto Haupt (1927 bis 1934) erfolgte der weitere Ausbau der Kunstgewerbeschule als Werkstätten-Schule, die sich zwar ihrer engen Bindung an die Interessen der Pforzheimer Hauptindustrie bewusst war, aber für die Ausbildung des Berufsnachwuchses einen weit über die kurzfristigen Erwartungen hinausgehenden Anspruch formulierte.

In den Versuchswerkstätten unter künstlerischer Leitung trat der experimentelle Umgang mit Material und Form in den Vordergrund. Die künstlerische Grundlagenausbildung im ersten Schuljahr war ein wichtiger Ausbildungsabschnitt für die Schüler und die inzwischen auch zugelassenen Schülerinnen. Sie besuchten die Schule in individuell unterschiedlichem Stundenumfang, zumeist neben der beruflichen Tätigkeit. Für einige Schüler war die Ausbildung an der Kunstgewerbeschule auch die Vorbereitungsphase für das Studium an der Kunstakademie.

Die Mitglieder der Schule gestalteten das kulturelle Leben in Pforzheim aktiv mit. So regte beispielsweise Friedrich Wilhelm Jochem den Rahmenentwurf der heutigen Wartberg-Siedlung an, war verantwortlich für die Inneneinrichtung der Ständigen Musterausstellung und realisierte in einer Pforzheimer Privatvilla eine für die Zeit kühne Raumgestaltung im frühen Art-Deco-Stil. Im Jahr 1925 fand das erste Pforzheimer Künstler-Maskenfest statt, das von den Lehrern und Schülern der Kunstgewerbeschule als aufwendiges Gesamtkunstwerk gestaltet wurde. Nachdem der Kunstgewerbeverein 1926 in das zentral gelegene Industriehaus umgezogen war, konnte die Schule den Anbau für Unterrichts zwecke übernehmen.

Die ersten Ansätze zur fachlichen Erweiterung des Ausbildungsangebots fallen bereits in die zwanziger und frühen dreißiger Jahre. Die Klassen für Graphische Kunst, Gebrauchsgrafik, Dekorationsmalen und Schrift kamen fest in den Lehrplan. Das Thema Schmuck und Mode wurde in Einzelkursen behandelt. Die Pforzheimer Schule beteiligte sich an den vom Werkbund vorangetriebenen Debatten über Fragen der Formgebung, bezog dabei allerdings eher restaurative Anschauungen. Vor allem der Kunsthistoriker Ludwig Segmiller, dessen Schwerpunkt auf völkerkundlichem Schmuck lag, setzte sich für die Erhaltung alter Form- und Ornamentvorstellungen ein. Die 1928 eingerichtete und an den Bauhausideen orientierte Fachklasse für Serienschmuck wurde 1933 bereits wieder aufgehoben.

Die nationalsozialistische Gleichschaltung des Bildungswesens machte der Unabhängigkeit künstlerischen und gestalterischen Arbeitens in Pforzheim ein vorläufiges Ende. Der Direktor der Badischen Kunstgewerbeschule, Otto Haupt, legte 1934 sein Amt nieder, das zwischen 1934 und 1937 von Fritz Haller und danach von Hermann Frank übernommen wurde. Anfang 1940 erfolgte die Zusammenlegung der Kunstgewerbeschule und der Goldschmiedeschule zur Staatlichen Meisterschule für das deutsche Edelmetall- und Schmuckgewerbe. Einzelne Lehrer wie Erwin Aichele, Theodor Wende und Willi Seidel ermöglichten dem immer kleiner werdenden Kreis von Schülerinnen und Schülern das Lernen im gestalterischen und künstlerischen Sinn. Der Bombenangriff am 23. Februar 1945, der die Innenstadt Pforzheims vollständig zerstörte, beschädigte auch das Schulgebäude in der Holzgartenstraße erheblich. Es brannte teilweise aus. Die Sammlungen und Einrichtungen wurden größtenteils zerstört. Der Bestand der Fachbibliothek war rechtzeitig ausgelagert worden und konnte so gerettet werden.  

 

 

Zwischen 1946 und 1948 wurden die Räume unter Mithilfe der Lehrer und Schüler instandgesetzt und der Unterrichtsbetrieb wieder aufgenommen. Erwin Aichele übernahm zunächst als dienstältester und politisch unbelasteter Lehrer die Leitung der Schule. Er erteilte bereits 1945 in seinem Privatatelier in Eutingen wieder künstlerischen Unterricht. Mit dem Wiederaufbau und der Neuordnung des Ausbildungswesens nach dem zweiten Weltkrieg wurde der entwertete Name Kunstgewerbeschule ersetzt durch den Begriff Werkkunstschule. Man knüpfte damit innerhalb der neugegründeten Arbeitsgemeinschaft der Werkkunstschulen an das Schulmodell der späten zwanziger und frühen dreißiger Jahre an.

In Pforzheim bildete man unter dem aus Karlsruhe berufenen Direktor Egon Gutmann zwischen 1952 und 1966 zunächst eine Verwaltungseinheit Vereinigte Goldschmiede-, Kunst- und Werkschule. Von 1956 bis 1970 war Karl Schollmayer der Direktor der Staatlichen Kunst und Werkschule. Er prägte den Namen Kunst + Werkschule, also Kunst plus Werkschule, mit dem eine international bedeutsame Aufbruchszeit insbesondere für die Schmuckgestaltung verbunden wird. Die Dozenten Reiling, Ullrich und Stark prägten moderne Vorstellungen von künstlerischem, kunsthandwerklichem und industriell hergestelltem Schmuck.

Um 1955 war die Zahl der Studierenden bereits höher als in den Vorkriegsjahren. Die Schule fand zunehmend internationale Beachtung und Zulauf von Studierenden aus anderen Ländern, insbesondere aus Skandinavien, die zum Studium nach Pforzheim kamen. Bereits 1949 hatte man begonnen, weitere Fachabteilungen in der Schule einzurichten. Einerseits erweiterte man den technischen Zweig um galvano- und chemotechnische Laboratorien, andererseits baute man das gestalterische Lehrangebot aus. Zunächst wurde eine Modeklasse eröffnet, deren Aufbau Rosemarie Kirschner übernahm und die ab 1978 unter der Leitung von Heinz Oestergaard ein internationales Profil entwickelte. 1964 kam eine Klasse für Produktform, geleitet von dem Bildhauer und Designer Bernhard Jablonski, hinzu. 1968 wurde von Werner Weißbrodt eine Klasse für Grafik und Schrift eingerichtet.

Die Grundordnung der Kunst + Werkschule definierte ihre Aufgabe darin, die Studierenden zu Gestaltern mit dem »Schwerpunkt der Formgebung des Edelmetalls im weitesten Sinne« auszubilden. Darüber hinaus erstreckte sich der Bildungsauftrag auch auf die Gestaltung anderer Werkstoffe. Ziel des Studiums in formaler und technischer Hinsicht war »die Gestaltung aus der Erkenntnis neuer Möglichkeiten und den gegebenen Notwendigkeiten durch Forschung und Experiment. Darin eingeschlossen sind Pflege und Beherrschung des Überkommenen, soweit es vertretbar ist«.

Ab 1967 waren Studienabschlüsse als Gestalter für Schmuck (einzeln oder Serie), für Gerät (einzeln oder Serie), für Oberfläche (farbig oder grafisch) und für Mode möglich. Das Unterrichtsangebot gliederte sich in drei Bereiche: Entwurf und Formgebung, Techniken und Praktiken, Vorlesungen und Fachtheorie. Die Schule bot unter jeweils verschiedenen Eingangsvoraussetzungen die freie künstlerische und die »gebundene« künstlerische Ausbildung an. Das Lehrangebot umfasste auch Lehrgänge für bestimmte Fachgebiete bzw. Spezialtechniken. Man konnte sich als Vollstudierender oder Teilstudierender einschreiben, was mit genau berechneten Studiengebühren verbunden war.

Das ausdifferenzierte Lehr- und Weiterbildungsangebot war in einem strengen Stundenplan geregelt, der die Fächer von Montag bis Samstag von 8 Uhr morgens bis 8 Uhr abends verteilte. Die zeitgenössische Kunstsprache der abstrakten Malerei trat in den Mittelpunkt der künstlerischen Lehre. Dozenten wie beispielsweise Karl-Heinz Wienert vermittelten die internationale Neuorientierung in Pforzheim. Gemeinsam mit Studenten gründete er an der Schule auch ein experimentelles Figurentheater und regte an, die Tradition der Künstlerfeste wieder aufzunehmen. In den sechziger Jahren hatten die großen Faschingsfeste der Kunst + Werkschule einen Ruf weit über Pforzheim hinaus. 

Am l. Oktober 1971 wurden aus den Ingenieur- und Höheren Fachschulen in Baden-Württemberg Fachhochschulen. Die Staatliche Kunst + Werkschule Pforzheim hieß nun Fachhochschule für Gestaltung, kurz FHG genannt. Die erst 1961 gegründete und einige Jahre in der Holzgartenstraße beherbergte Höhere Wirtschaftsfachschule war nun die Fachhochschule für Wirtschaft Pforzheim.

Der Druck zur Umwandlung und dem damit verbundenen Statusanstieg ging von den Ingenieurschulen aus; deren Studierende befürchteten im europäischen Vergleich nicht anerkannt zu werden. Die beiden Werkkunstschulen in Baden-Württemberg, Pforzheim und Schwäbisch Gmünd, waren in diesen Reformüberlegungen zunächst gar nicht berücksichtigt. Massiv setzten sich die Dozenten und Studierenden ein, nicht nur in 1984 den Fachhochschulbereich, sondern als Hochschulen für Design im Kunsthochschulbereich integriert zu werden. Die für Pforzheim charakteristische Bindung an den künstlerischen Bereich legte diese Argumentation nahe, in der man den Vergleich mit angewandten Studiengängen an bestehenden Akademien, aber auch mit bereits umgesetzten Höherstufungen von Werkkunstschulen in anderen Bundesländern heranzog. Die Ideen, die mit dem Begriff Werkkunst transportiert wurden, entsprachen jedenfalls nicht mehr den aktuellen Vorstellungen von Design. Dementsprechend trat der Direktor, der diesem Programm mit seiner ganzen Person verpflichtet war, in den Ruhestand, um Gestaltungsspielraum zu schaffen für ein neues Ausbildungsmodell. Von 1971 bis 1976 leitete der Maler Gonn Mosny, von 1976 bis 1984 Bernhard Jablonski die Schule in ihrer neuen Form.

Die Fachhochschule für Gestaltung bot ab 1971 die Studiengänge Grafik-Design, Industrie-Design, Mode-Design und Schmuck und Gerät an, die die Studierenden zunächst als graduierte Designer, seit 1978 als Diplom-Designer (FH) abschließen. Was beim Alten blieb, weil es ein bewährtes und gleichzeitig zukunftsorientiertes Modell war, ist die Kunstpraxis als Feld der Anregung, Kritik und Überprüfung von gestalterischen Ideen.

Die siebziger und achtziger Jahre verbinden sich mit einer ganzen Reihe von Künstlerpersönlichkeiten wie Michael Sandle, Jürgen Brodwolf, Ben Willikens, Hans Baschang, Peter Jacobi, Bernd Berner, Klaus Heider oder Detlef Birgfeld, von denen zwar einige nicht lange in Pforzheim blieben, das Profil der Schule jedoch maßgeblich mitbestimmten. Die Studiengänge selbst wurden weiter ausgebaut und präsentierten ihre Semesterprojekte und Diplomarbeiten in öffentlichen Präsentationen.

1984 wurde in enger Kooperation mit der Automobilindustrie der Studienschwerpunkt Kraftfahrzeugdesign in einem eigenen Gebäude an der Eutinger Straße eingerichtet und von Klaus Limberg, Rektor der Fachhochschule für Gestaltung von 1985 bis 1992, vorangetrieben. Im Schulgebäude an der Holzgartenstraße begann im Wintersemester 1987/88 die Sanierung, mit der man die Kriegsschäden und notdürftigen Instandsetzungen beseitigte, und der Umbau, mit dem man die notwendigen Neueinrichtungen schuf und damit gleichzeitig den Baukörper wieder seinem ursprünglichen Zustand im Jahr 1911 annäherte. Diese Maßnahmen waren bereits seit 1975 im Gespräch, wurden allerdings erst im Februar 2001 abgeschlossen. Aus dem Provisorium an der Östlichen ist ein nahezu fester Standort der Hochschule geworden. Dort haben nicht nur die Studiengänge Mode und Visuelle Kommunikation, sowie der 1995 aufgebaute Studienschwerpunkt Ausstellungsdesign ihre Studios, sondern waren je nach Umbauphase auch die Bibliothek und Ateliers der Kunst untergebracht.

Die lange Umbauzeit beeinträchtigte den Studienablauf zum Teil erheblich. Einzelne Studentengruppen suchten sich Arbeitsmöglichkeiten in leerstehenden Gebäuden in der Umgebung von Pforzheim, Semesterpräsentationen fanden an immer neuen Orten statt, und der jährliche Studienaufenthalt im italienischen CiviteIIa d'Agliano wurde ein nahezu regulärer Bestandteil der künstlerischen und kunstwissenschaftlichen Ausbildung für Studierende aller Studiengänge. Die Hochschule baute ab Mitte der achtziger Jahre ihre internationalen Kontakte, die mit einem Austauschprogramm am Nova Scotia College of Art and Design in Halifax, Canada begonnen hatten, in allen Studiengängen aus und ermöglicht den Studierenden Auslandsemester an Partnerhochschulen in vielen Ländern, die oft auch mit Praktikumsaufenthalten verbunden werden.

Nach dieser Phase der internen Differenzierung und der internationalen Vernetzung stand Ende der achtziger Jahre eine erneute Reformdebatte an. Unter dem Stichwort Fachhochschullandschaft Pforzheim und damit verbundenen Überlegungen zur regionalen Strukturverbesserung erfolgte 1992 die bislang letzte Neuordnung der Schule. Die Fusionierung der FHG und der FHW, verbunden mit der Neugründung des Hochschulbereichs Technik, ließ die heutige Fachhochschule Pforzheim, Hochschule für Gestaltung, Technik und Wirtschaft entstehen. Eine Schule mit vielen Namen ...