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Startschuss für die Bleisatzwerkstatt

Gutenberg ist immer noch Chef in der Bleisatz-Werkstatt an der Fakultät für Gestaltung der Hochschule Pforzheim. Das hat sich auch nach den gut zwei Jahren Pandemie-Pause nicht verändert, in der dort kein Unterricht möglich war. Nun hat das Setzen von Hand wieder begonnen: Manfred Morlock und Günter Neubert sind als Alte Meister ebenfalls zurück und geben ihr Wissen an die Studierenden weiter. Seit 16 Jahren betreuen sie die Bleisatzwerkstatt des Studiengangs Visuelle Kommunikation.

Anlaufschwierigkeiten haben Manfred Morlock und Günter Neubert keine, die Passion für den Bleisatz ist sofort greifbar in dem kleinen Raum: „Da haben wir das Erlebnis A“, sagt Günter Neubert und nimmt einen gut 15 Zentimeter hohen Holzbuchstaben in die Hand. Daneben legt er einen kaum mit dem bloßen Auge erkennbaren Bleiletter, ebenfalls ein a. Einen Buchstaben anzufassen, seine Form zu erspüren und sein Gewicht, das ist heute etwas ganz Besonderes. 1956 haben die zwei Pforzheimer den Beruf des Typographen erlernt und waren später im Vertrieb und als Betriebsleiter tätig. Zu Beginn ihres Ruhestands kam der Kontakt zur Hochschule. Michael Throm, Professor in der Visuellen Kommunikation, hatte beim ehemaligen Arbeitgeber der Herren angefragt – so startete die Zusammenarbeit im Jahr 2006, damals noch in der Östlichen Karl-Friedrich-Straße. Der Andrang auf den wöchentlichen Kurs war über all die Jahre groß. Und auch bei der ersten Gruppe nach der Pandemie springt der Funke sofort über: „Das macht dreimal mehr Spaß als am Rechner, auch wenn es zehnmal so lange dauert“, sagt Elia Hilbig aus dem dritten Semester. Zeit ist ein Faktor, schnell geht es bei Ungeübten nicht. Wir sind es gewohnt, dass die digitalen Programme Entscheidungen für uns treffen. Aber beim Bleisatz muss alles selbst mitgedacht werden: Die Größe der Buchstaben, der Abstand zwischen den Buchstaben, der Abstand zwischen den Worten und zwischen den Zeilen. Das Ergebnis ist umso feiner, weil man auf alle Parameter einzeln eingehen muss und Proportionen exakter sind. Und nach dem Druck mit der Handpresse geht es aufwändig weiter, wenn die Lettern Stück für Stück zurücksortiert werden müssen. Da hilft nur strenge Ordnung. Die Schubladen mit den Buchstaben sind genauestens nach Schema in 125 Fächern pro Schriftgröße sortiert. Häufig verwendete Buchstaben wie das e liegen in großen Mengen griffbereit gleich vorne.

Mit ihrem Handwerk schaffen die 80-jährigen Profis ein tiefes Verständnis für Grafik, Typographie und die Grundlagen, die Johannes Gutenberg mit der Erfindung des Buchdrucks erschaffen hat. Für heutige Grafikstudierende ist Johannes Gutenberg weit weg, aber er ist es, der im Jahr 1440 die Basis erschaffen hat für ihre Ausbildung. „Vieles, was wir heute anwenden, geht auf den Bleisatz zurück, das versteht man erst beim Machen in der Werkstatt. Und da es keine Gießereien mehr gibt, ist unsere Werkstatt einzigartig“, sagt Studentin Clara Stahlhut, die schon weitere Druckprojekte im Kopf hat. Diese umzusetzen, ist wieder möglich, auch wenn sie jetzt kürzer treten werden, Manfred Morlock und Günter Neubert. Studentin Hannah Keilbach hat viele Stunden in der Bleisatz-Werkstatt ihres Großvaters verbracht und wird die Betreuung der Werkstatt in der Holzgartenstraße Schritt für Schritt übernehmen. Auf die Unterstützung der Alten Meister darf sie weiterhin setzen: „Bleisatz ist wie ein Herzschrittmacher, ein Leben ohne Bleisatz, das ist doch kein Leben“, schmunzeln sie.

Fotos: Hannah Roscher, Clara Stahlhut, Harald Koch

Kontakt: birgit.meyer(at)hs-pforzheim(dot)de, Tel: +49 (7231) 28-6718