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Veränderung beginnt in der Sichtweise: MACD-First für Justine Hartwig

Justine Hartwig hat genug. Genug von einer Haltung, die auf ein stetes Höher, Weiter, Mehr abzielt und dadurch die Lebensgrundlagen aller Spezies existentiell bedroht. Die Art und Weise, wie wir die Welt wahrnehmen, bestimmt, wie wir in ihr handeln, funktionieren und sprechen. Es sind kapitalistische Systeme, die Designer*innen in bequeme Gewohnheiten ziehen, um den Kreislauf des Konsums am Laufen zu halten. Diesen Automatismus möchte sie mit ihrer Master-Abschlussarbeit „Terrapolis Design“ durchbrechen und erhielt dafür den „MACD-First“. Die Auszeichnung des Masterstudiengangs Creative Direction (MACD) der Pforzheimer Fakultät für Gestaltung, die richtungsweisende Arbeiten aus dem Studiengang prämiert, wurde zum Ende des Semesters an die 26-Jährige verliehen.

„Wenn wir für den Menschen gestalten, hat das eine Auswirkung auf die Welt um uns herum. Wir müssen dringend unsere Positionierung in der Welt umdenken, da wir mit der Umwelt so sehr verbunden sind und ohne sie einfach nicht existieren können“, sagt Justine Hartwig. Und Veränderung beginnt noch vor der eigentlichen Handlung, nämlich in der Änderung der Sichtweise. Für ihre Recherchen begibt sich die Designerin in Kulturtheorie, Biologie oder Soziologie. „Unsere Sichtweisen sind unangemessen“, sagt sie, Designer*innen sollten wieder auf Augenhöhe mit ihrer Umwelt agieren. Es geht ihr um Verantwortung beim eignen Handeln: „Design ist niemals neutral. Es ist von Bedeutung, für welche Firmen oder Konzerne wir gestalten. Es hat Gewicht, welches Design neues Design designt.“

Justine Hartwig zeigt in ihrer Analyse auf, dass es für Designer*innen an der Zeit ist, ihre Tätigkeit in ein System umzuleiten, welches die Komplexität unserer Erde und ihrer Organismen mit einbezieht. Für diesen Wandel bezieht sie sich auf den Begriff der Sympoiesis, den die US-Theoretikerin Donna Haraway geprägt hat. Unter Sympoiesis versteht sie, dass ein Prozess offen ist, dass nichts aus sich selbst entsteht, sondern jeder Prozess von äußeren Bedingungen abhängt. So sieht Justine Hartwig Sympoiesis als Treiber einer neuen Realität: eine gesellschaftliche Transformation weg vom Individualismus, hin zu einer kooperierenden, kollektiv erzielenden Gesellschaft, die mit Umwelt und Natur arbeitet anstatt gegen sie. Die Designerin ermutigt, den Status Quo kritisch zu hinterfragen und zu verändern. Dass das unbequem ist und viel Engagement braucht, weiß die Absolventin und sagt es mit Donna Haraway: Stay with the trouble! Lass nicht locker!

Foto: Janice Beck

Kontakt: birgit.meyer(at)hs-pforzheim(dot)de, Tel: +49 (7231) 28-6718