Utrecht Teaser

Anna Gawriltschuk

Anna Gawriltschuk, Bachelor-Studentin der Visuellen Kommunikation, hat ihr 6. Semester in den Niederlanden verbracht: An der Hogeschool voor de Kunsten (HKU) in Utrecht hat sie sich im Wintersemester 2025/26 voll und ganz dem Bereich Animation gewidmet.

Ich habe niemals erwartet in den Niederlanden zu leben. Um ehrlich zu sein, wusste ich so wenig über diese Gegend, dass ich Belgien und die Niederlande auf der Karte verwechseln hätte können. Es war also ein Sprung ins kalte Wasser, aber bereuen tue ich es auf keinen Fall. Und weil ich die Zeit nicht zurückdrehen kann, um alles noch einmal zu erleben, lasst mich euch wenigstens davon erzählen. Entschieden habe ich mich für die Hogeschool voor de Kunsten Utrecht (kurz HKU), da ich in meinem Auslandssemester Vollzeit Animation studieren wollte und das eine der wenigen Partnerhochschulen war, die das angeboten haben. Nach einer sehr freundlichen „You are accepted“-E-Mail und ein paar Freudentränen ging es los mit den ersten Vorbereitungen. Wie zieht man denn überhaupt ins Ausland??

 

Die Wohnungskrise

Bevor ich weiter schwärme, muss ich unbedingt erwähnen, dass die Wohnungssuche in den Niederlanden unfassbar schwer ist. Wir hatten die Chance einen Platz im Wohnheim zu ergattern, wenn wir an einem bestimmten Datum pünktlich um 10 Uhr ein Zimmer reservieren. Ich habe mich extra auf der Arbeit in das Zimmer des Produzenten gesetzt, um das bestmögliche Internet zu haben, und schwups, alles war innerhalb von 2 Sekunden ausgebucht. Schlimmer als Konzerttickets für Billie Eilish kriegen! Ich war eine der Glücklichen, die ein Zimmer erwischt haben, aber es gab auch Exchange Students, die die ersten Wochen in einem Hotel gelebt haben oder jeden Tag 2 Stunden pendeln mussten. Trotz meines Lottogewinns musste ich an die 700 € im Monat zahlen und der Zustand der Wohnung war das nicht unbedingt wert. Spart euch gutes Karma und Glück an, das kann auf jeden Fall nicht schaden!

 

Neue Freund*innen

Besonders viel Glück hatte ich nicht nur mit der Wohnungssuche, sondern auch mit meinen neuen Freund*innen. Die Dutchies sind unfassbar freundlich und ich habe mich sofort willkommen gefühlt. Besonders im Studiengang Animation haben sie für uns alle Konversationen auf Englisch geführt, sodass Kai (aus Finnland), Sharan (aus Indien) und ich immer mitreden konnten. Sogar der Unterricht wurde für uns auf Englisch gestaltet! Ich bin so unendlich dankbar für jede Person, die ich jetzt meine besten Freund*innen nennen kann und freue mich riesig, sie (sehr bald!) wieder zu besuchen. Allerdings ist das auch immer unterschiedlich. Von meinen Grafikdesign-Mitbewohner*innen, die auch Exchange Students waren, habe ich zum Beispiel gehört, dass sie nicht so gut integriert wurden. Es hilft auf jeden Fall, ein wenig Niederländisch zu lernen und am Ball zu bleiben.

 

Der Unterricht

Wenn wir schon vom Lernen reden, muss ich unbedingt vom Unterricht erzählen. Begonnen hat das Semester mit dem Hauptprojekt „Experimentelle Animation“. Es wurde in der allerersten Unterrichtsstunde betont, dass es in diesem Kurs nicht um das Resultat geht, sondern darum, dass wir über uns selbst lernen. Wir mussten zum Schluss nur beweisen, dass wir mutig waren, Neues gewagt haben und aus unserer Komfortzone raus sind. Es war nicht einmal unbedingt nötig Animation zu machen! Diese schiere Freiheit, war genau das, was ich gebraucht habe. Ich konnte loslassen und mich als Künstler*in neu entdecken. Gleichzeitig war es super spannend, den Prozess der anderen zu beobachten, da sich jeder eigene Ziele gesetzt hat. Der Leistungs- und Wettbewerbsgedanke war somit kleiner und hat nicht von der eigenen Entfaltung abgelenkt. Die anderen Kurse haben dieses Projekt unterstützend begleitet und uns unter anderem die Werkstätten vorgestellt. Sobald ich diese Räume betreten habe, hatte ich das Gefühl, die Welt sei voll endloser Möglichkeiten! Sie waren nicht nur super ausgestattet, es war auch immer ein*e Mitarbeiter*in da, der/die einem helfen konnte. Von Risographie und Siebdruck, über analoge Fotoentwicklung, Lasercutting, 3D Druck, Blackbox, Holzwerkstatt und die coolsten Drucker, die ich je gesehen habe, bis hin zu einem Biologie-Labor, um seine eigenen Pilzkulturen heranzuziehen oder mit dem Mikroskop zu spielen (und noch ganz viel mehr!!). Die HKU ist wundervoll ausgestattet und es kann einfach nicht langweilig werden. Neben der künstlerischen Entfaltung gab es aber auch Theoriekurse und Skill-Kurse wie z.B. Animieren in Perspektive oder Schauspiel für Animator*innen. Für alle etwas zu haben!

 

Die Stadt

Die HKU ist schön, aber ein wenig Abwechslung ist auch nicht schlecht und da stehen die Chancen in Utrecht sehr gut. Es läuft immer irgendetwas und dadurch, dass die Niederlande so klein sind, kommt man mit dem Zug gut in jede Ecke. Besonders schön ist es, mit dem Fahrrad durch die Stadt zu düsen und den Wind auf der Haut zu spüren, aber es gibt auch wundervolle Restaurants, Bars, Partys und andere Events. Alles schien queerfreundlich und ich habe mich auch nachts allein sicher gefühlt.

 

Und jetzt?

Ich könnte noch sehr viel mehr erzählen, aber so wie das Auslandssemester ein Ende finden musste, muss es auch dieser Rückblick. Es ist aus diesem Bericht nicht so gut herauszulesen, aber auch ich hatte meine Höhen und Tiefen. So ein Auslandssemester stellt einen vor neue Herausforderungen, aber es lohnt sich! Ich bin noch in sehr gutem Kontakt mit den anderen Exchange Students und ich habe von keinem von ihnen gehört, dass sie diese Erfahrung bereuen. Im Gegenteil, sie sind alle mit einem Herzen gefüllt mit Liebe zurückgekommen. Liebe für die neuen Freund*innen, die Niederlande, die HKU oder auch ein wenig Dankbarkeit für das, was man daheim übersehen hatte.